QONFORM WISSEN
Muss ich Mitarbeiter schulen, die nur ChatGPT nutzen?
Was Art. 4 der EU-KI-Verordnung für Unternehmen bedeutet, deren Mitarbeitende ChatGPT für Texte, Übersetzungen oder andere alltägliche Aufgaben einsetzen.
Das Wichtigste in Kürze
- Ja: Wenn Mitarbeitende ChatGPT im Unternehmen für ihre Arbeit nutzen, fällt auch dieser alltägliche KI-Einsatz grundsätzlich unter die Anforderungen an KI-Kompetenz nach Art. 4 der EU-KI-Verordnung.1
- Die Europäische Kommission nennt ausdrücklich das Beispiel von Beschäftigten, die ChatGPT für Werbetexte oder Übersetzungen einsetzen. Auch sie sollen über konkrete Risiken wie Halluzinationen informiert werden.2
- Vorgeschrieben ist aber nicht automatisch ein bestimmter Kurs oder eine formale Präsenzschulung. Die Maßnahmen sollen zur eingesetzten KI, zum Nutzungskontext und zum vorhandenen Wissen der Beschäftigten passen.1
- Für typische ChatGPT-Nutzung kann deshalb eine kompakte, praxisnahe Schulung eine einfache Möglichkeit sein, relevante Grundlagen strukturiert zu vermitteln.
Gilt Art. 4 wirklich schon bei normaler ChatGPT-Nutzung?
Ja. Art. 4 der EU-KI-Verordnung setzt nicht erst bei besonders komplexen oder sogenannten Hochrisiko-KI-Systemen an. Anbieter und Betreiber von KI-Systemen müssen Maßnahmen ergreifen, um die Entwicklung der KI-Kompetenz ihres Personals und anderer Personen zu unterstützen, die in ihrem Auftrag mit dem Betrieb oder der Nutzung solcher Systeme befasst sind.1
Das kann bereits den ganz normalen Einsatz generativer KI im Büro betreffen.
Die Europäische Kommission beantwortet diese Frage inzwischen sogar anhand eines sehr konkreten Beispiels: Nutzt ein Unternehmen ChatGPT durch Mitarbeitende etwa zum Verfassen von Werbetexten oder zum Übersetzen, soll es die Anforderungen aus Art. 4 berücksichtigen und die Beschäftigten über spezifische Risiken wie Halluzinationen informieren.2
„ChatGPT nur für Texte“ bedeutet also nicht automatisch „Art. 4 spielt für uns keine Rolle“.
Entscheidend ist, dass Mitarbeitende ein KI-System im betrieblichen Kontext nutzen.1
Muss deshalb jeder einen großen KI-Kurs absolvieren?
Nein. Aus Art. 4 folgt keine Vorgabe, dass jedes Unternehmen einen bestimmten standardisierten Kurs einkaufen oder eine mehrstündige Präsenzschulung durchführen muss.
Die aktuelle Fassung von Art. 4 verlangt Maßnahmen zur Unterstützung der KI-Kompetenz. Dabei sollen unter anderem technisches Wissen, Erfahrung, Aus- und Weiterbildung der betreffenden Personen sowie der konkrete Nutzungskontext berücksichtigt werden.1
Auch die Europäische Kommission beschreibt einen risikobasierten Ansatz: Unternehmen sollen betrachten, welche KI-Systeme sie einsetzen, wofür sie eingesetzt werden, welche Risiken bestehen und was die jeweiligen Beschäftigten bereits wissen.2
Für ein Unternehmen, das ChatGPT hauptsächlich für Entwürfe, Zusammenfassungen oder Übersetzungen nutzt, kann der notwendige Umfang deshalb anders aussehen als bei einem Unternehmen, das KI für folgenreiche Personal-, Sicherheits- oder Fachentscheidungen einsetzt.
Was sollten ChatGPT-Nutzer im Unternehmen wissen?
Der genaue Umfang hängt vom Einsatz ab. Für typische Büroanwendungen sind einige Grundlagen aber besonders naheliegend:
| Thema | Warum es bei ChatGPT relevant ist |
|---|---|
| Halluzinationen | Antworten können plausibel klingen und trotzdem falsch sein. |
| Prüfung von Ergebnissen | Je folgenreicher eine Aussage ist, desto wichtiger ist eine eigenständige Kontrolle. |
| Umgang mit Daten | Beschäftigte sollten wissen, welche Informationen sie in das verwendete System eingeben dürfen. |
| Grenzen der KI | Sprachmodelle liefern Ergebnisse, ersetzen aber nicht automatisch fachliche oder menschliche Verantwortung. |
| Betriebliche Regeln | Mitarbeitende sollten wissen, für welche Aufgaben und unter welchen Bedingungen KI im Unternehmen eingesetzt werden darf. |
Die Kommission nennt als Ausgangspunkte für KI-Kompetenz unter anderem ein allgemeines Verständnis von KI, Chancen und Risiken, die Rolle des Unternehmens, den konkreten Einsatzkontext und die Kenntnisse der jeweiligen Beschäftigten.2
Daraus lässt sich für die Praxis ableiten: Eine gute Maßnahme muss nicht möglichst lang sein. Sie sollte vor allem zu den tatsächlich eingesetzten Werkzeugen und Aufgaben passen.
Reicht es, den Mitarbeitern einfach zu sagen, sie sollen vorsichtig sein?
Das dürfte als alleinige Maßnahme häufig zu wenig konkret sein.
Die Kommission weist darauf hin, dass es je nach Situation ineffektiv sein kann, Beschäftigte lediglich auf Bedienungsanleitungen zu verweisen. Maßnahmen zur KI-Kompetenz sollen vielmehr auf Zielgruppe, Vorwissen und Nutzungskontext zugeschnitten sein.2
Für einen kleinen Betrieb muss daraus kein großes Schulungsprojekt werden. Praktisch kann beispielsweise eine kompakte Online-Schulung sinnvoll sein, die typische Risiken erklärt, klare Regeln für den Arbeitsalltag vermittelt und anschließend nachvollziehbar dokumentiert werden kann.
Entscheidend ist weniger, wie aufwendig die Maßnahme aussieht, sondern ob sie zum tatsächlichen KI-Einsatz passt.
Brauche ich dafür einen Nachweis oder ein Zertifikat?
Ein bestimmtes Zertifikat verlangt Art. 4 nicht. Die Europäische Kommission stellt ausdrücklich klar, dass kein spezielles Zertifikat erforderlich ist. Unternehmen können ihre Schulungs- oder sonstigen KI-Kompetenzmaßnahmen intern dokumentieren.2
Trotzdem ist ein nachvollziehbarer Nachweis praktisch sinnvoll. Wenn später die Frage entsteht, welche Maßnahmen ein Unternehmen zur KI-Kompetenz getroffen hat, ist eine dokumentierte Schulung leichter nachvollziehbar als eine informelle Aussage wie „Wir haben das irgendwann im Team besprochen“.
Ein Nachweis kann beispielsweise festhalten:
- wer die Maßnahme absolviert hat,
- welche Inhalte vermittelt wurden,
- wann sie abgeschlossen wurde,
- welche Version der Schulung verwendet wurde,
- ob eine Lernkontrolle vorgesehen und erfolgreich abgeschlossen wurde.
Was ist für kleine Unternehmen die pragmatische Lösung?
Wenn Ihre Mitarbeitenden ChatGPT im Arbeitsalltag verwenden, sollten Sie das Thema KI-Kompetenz nicht deshalb ignorieren, weil die Nutzung vermeintlich harmlos wirkt.
Sie müssen daraus aber auch kein Großprojekt machen.
Ein pragmatischer Ablauf kann so aussehen:
- Erfassen Sie grob, wofür ChatGPT oder andere KI-Systeme tatsächlich eingesetzt werden.
- Überlegen Sie, welche Risiken bei diesen Anwendungen relevant sind.
- Vermitteln Sie den betroffenen Mitarbeitenden die dazu passenden Grundlagen.
- Legen Sie klare betriebliche Regeln für die Nutzung fest, soweit dies erforderlich ist.
- Dokumentieren Sie die durchgeführte Maßnahme nachvollziehbar.
So orientiert sich die Umsetzung am tatsächlichen Einsatz statt an einem möglichst umfangreichen Schulungsprogramm.
Fazit
Wer ChatGPT nur für Texte, Übersetzungen oder ähnliche Büroaufgaben nutzt, ist nicht automatisch außerhalb von Art. 4 der EU-KI-Verordnung. Die Europäische Kommission nennt genau solche Anwendungen ausdrücklich als Beispiel für einen Fall, in dem Beschäftigte über die spezifischen Risiken informiert werden sollten.2
Das bedeutet aber nicht, dass jedes Unternehmen denselben großen KI-Kurs durchführen muss. Die Maßnahme soll zu den eingesetzten Systemen, den Aufgaben, den Risiken und dem Vorwissen der Beschäftigten passen.1
Für viele kleine und mittlere Unternehmen kann eine kompakte Schulung deshalb der pragmatische Weg sein: relevante Grundlagen vermitteln, klare Regeln schaffen und die Maßnahme anschließend nachvollziehbar dokumentieren.
Quellen
- Verordnung (EU) 2024/1689 über künstliche Intelligenz, konsolidierte Fassung, Art. 4 Europäische Union Quelle öffnen
- AI Literacy – Questions & Answers Europäische Kommission Quelle öffnen
